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Gitarre - ja bitte!

Das Jahr neigt sich dem Ende zu: November ist fast vorüber, der Advents-Kranz steht bereit und die erste Kerze wird morgen entzündet werden. Obwohl es Wochenende ist, stehe ich an diesem Samstag ähnlich früh wie an einem Werktag auf. Denn der Frühstückstisch steht heute nicht eine Tür weiter in der Küche, sondern knapp anderthalb Stunden entfernt in Bochum: Das alljährliche EM-Breakfast des Schallwende-Vereins steht heute auf der Agenda.

EM-Breakfast 29.11.2025

Seit einigen Jahren hat das EM-Breakfast seine Heimstatt im Gasthaus Goeke in Bochum-Grumme gefunden. Die Form der Veranstaltung ist recht einzigartig und geht auf Berthold Heinze, den ehemaligen Kassenwart des Vereins zurück. Der war ein Freund guten Essens und ersann die Kombination eines (späten) Frühstücks mit einem EM-Live-Auftritt im entspannten und kleinen Rahmen.

Für ein Konzert in so einer Umgebung muss der Künstler sich natürlich auf eine Atmosphäre einstellen, in der seine Performance nicht immer im Mittelpunkt steht.  Die Besucher schmieren sich währenddessen ihre Frühstücksbrötchen oder unterhalten sich auch einmal über andere Dinge. Nicht jede(r) kann und mag sich darauf einlassen. Aber wer es schafft, dass die Besucher seinetwegen Messer und Gabel für eine Weile auf Seite legen, der kann mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen, die Zuhörer erreicht zu haben.

Eine weitere, auch nicht zu unterschätzende Bedingung: Notorische Spätaufsteher unter den Musikern hätten mit einem Auftritt am Vormittag so ihre Probleme. All das hatte Klaus aber abgeklärt, als er bei Lutz Graf-Ulbrich anfragte.  Lutz wird oft auch kurz "Lüül" genannt und ist ein echtes Urgestein der Berliner Krautrock- und EM-Szene. Legendäre Namen wie "Agitation Free" und "Ashra" fallen, wenn man von ihm spricht, aber auch aktuelle Kooperationen mit Thomas Fanger und Mario Schönwälder.

Als ich eine knappe Stunde vor Beginn des Breakfasts das Gasthaus betrete, ist der Saal bereits von Lutz' warmem Gitarren-Spiel erfüllt. Besonders viel an Equipment hatte Lutz nicht aufzubauen. Er zieht es vor, mit 'kleinem Besteck' zu reisen: Eine Gitarre, Effektgerät und Notebook reichen aus. Dieter Klimaschewskis PA ist ebenfalls schon bereit, die Musik auf ein Saal-taugliches Volumen zu verstärken.  Und Stefan Erbe hat den passenden Beamer für die Visuals beigesteuert.

Es müssen also nur noch die Gäste kommen. Die treffen im Verlauf der nächsten Dreiviertel Stunde nach und nach ein.  Der Sound-Check ist mittlerweile vorüber, aber man kann sich stattdessen die Zeit an den CD-Ständen von Lambert und Stefan Erbe vertreiben. Wie immer, gibt es bei Stefan mehr als nur Ton- und Bildträger: Um das 'Genesys-Projekt' ist mittlerweile ein ansehnliches Sortiment von Merchandise-Artikeln entstanden. Seien es T-Shirts oder originelle Verpackungen für USB-Sticks, alles ist selbst designt und von Frau Erbe selbst gedruckt. Aber auch Lamberts Stand bietet reichlich Ideen für Weihnachtsgeschenke: Peter Mergeners Neuinterpretation von "Chip Meditation", ein Stück Vinyl oder eine Musiker-Biographie, alles ist im Sortiment.

Bevor es mit Musik und Buffet losgehen kann, ergreift der erste Vorsitzende kurz das Wort. Klaus dankt Lutz dafür, dass er sich für diesen vergleichsweise kleinen Termin auf den Weg von Berlin nach Bochum gemacht hat, und erinnert an die langjährige Tradition dieses Events, das immer am oder kurz vor dem ersten Advent steigt. Und er reicht das Mikrofon an Dieter weiter, denn der möchte auch noch etwas los werden. Nicht nur auf Breakfast und Grillfest, auch auf vielen, vielen anderen Feiern und Events kümmert sich Dieter um die Beschallung. Mit der Zeit hat sich einiges an Equipment angesammelt, und da er in Zukunft etwas kürzer treten möchte, will er sich von einem Teil davon trennen: Das hier gerade in Betrieb befindliche Set aus Lautsprechern, Verstärker und Subwoofer stünde zum Beispiel zum Verkauf. Ungewöhnlich ist die weiße Farbe, aber damit wäre das doch genau das richtige für eine Hochzeitsfeier? Ernst gemeinte Angebote werden gerne entgegen genommen.

Hier und heute werden die Lautsprecher natürlich noch gebraucht.  Während das Buffet eröffnet ist, beginnt Lutz mit dem ersten Teil seines Sets. Das besteht aus den Titeln seines aktuellen Solo-Albums "Lüüls Lab". Auf dem beweist Lutz, dass man auch als 'reiner Gitarrist' mit Loops und Effektgeräten ein Album kreieren kann, dass auch Fans der elektronischen Musik spannend finden. Denn Einstieg macht "Sad and Hopeful". Locker und melodisch kommen die Sounds daher, und Lutz lässt sich überhaupt nicht von dem Gewusel um ihn herum beirren, sei es das Kommen und Gehen zum Buffet oder die Fotografen, die ihn aus den verschiedensten Blickwinkeln ablichten wollen. In "Motion Mode" werden die Klänge etwas mutiger und 'gegen den Strich' gebürstet. Passend dazu beleuchten die Visuals das Thema 'Bewegung' aus den verschiedensten Blickwinkeln.

Lutz gelingt es mit seiner Musik sehr gut, Stimmungen und Ideen in Klänge umzusetzen. Das setzt sich im dritten Titel "Morgentau" fort, wo es wieder in ruhigeres Fahrwasser zurück geht. Darauf folgt eine Überraschung für alle, die Lüüls Album noch nicht kennen: Das sind doch vertraute Klänge! Und in der Tat, es ist seine Version des Ashra-Klassikers "Oasis": Eine wunderbare Erinnerung an Manuel Göttsching, der ja leider vor einigen Jahren recht überraschend verstorben ist.

Das Wechselspiel der Tracks und Stimmungen setzt sich weiter fort, und da die meisten ihre Teller mittlerweile ein- oder zweimal gefüllt und auch wieder geleert haben, genießt Lutz nun fast ungeteilte Aufmerksamkeit. "Monolog" und vor allem "April Suite" laden wieder zur Kontemplation ein. In "Der wilde Ritt" gibt Lutz noch einmal richtig Gas und reißt uns aus der Trägheit nach den Essen. So haben wir die Chance, den oriental angehauchten Sounds von "Mystical Road" genauer nachzuspüren.

Das war auch schon der erste Teil, und Lutz ist der ungeteilte Applaus des Publikums sicher. Bevor er sich in der Pause auch endlich seinen Anteil von Frühstücksbuffet holen kann, will noch das eine oder andere Exemplar von "Lüüls Lab" verkauft und signiert werden. Für Freunde großer, schwarzer Scheiben ist es auch als LP erhältlich, ebenso wie der eine oder andere Klassiker von "Agitation Free".

Nun ist Lutz ein Musiker, der in "unserer Szene" vielleicht noch nicht ganz so oft in Erscheinung getreten ist, und viele werden ihn an diesem Vormittag zum ersten Mal solo erlebt haben. Also bittet Klaus ihn, ein paar Worte zu sich selber zu machen. Das ist eine Herausforderung, wie fasst man über ein halbes Jahrhundert bewegter Musiker-Karriere in wenigen Minuten zusammen? Lutz gelingt es aber, einen Bogen zu spannen, der irgendwann in den 60er-Jahren anfängt, mit der ersten eigenen Gitarre, und dem mit Eierpappen gedämpften Probenraum im Keller. Von dort geht der Weg weiter zu "Agitation Free" und Christoph Franke, und natürlich zu Ashra und Manuel Göttsching. Harald Großkopf, der über die Jahrzehnte immer mal wieder mit von der Partie war, darf natürlich auch nicht fehlen, ebenso wie Erinnerungen an eine Japan-Tournee. Es ist ja ganz erstaunlich, wie Krautrock und Ashra gerade im fernen Osten so begeisterte Anhänger gefunden haben, dass ihre Protagonisten jetzt als Wachsfiguren in Privatmuseen stehen!

Manuel Göttschings Tod 2022 war auch für Lutz ein einschneidendes Ereignis, und Anlass, einmal über die Dinge nachzudenken, die man in diesem Leben vielleicht noch machen sollte, bevor es dafür zu spät ist.  Das Solo-Projekt "Lüüls Lab" war eindeutig ein solches, inklusive der selber dazu entwickelten Visuals. Und auch wenn mittlerweile eine sieben vorne beim Alter steht, Lutz hat keinerlei Pläne, sich zur Ruhe zu setzen!

Nach dieser kurzen Zeitreise steigt Lutz in das zweite Set des Tages ein.  Am Buffet ist das letzte Restchen des Desserts aus der Schüssel gekratzt worden, so dass er uneingeschränkte Aufmerksamkeit erhält, während "Water" zelebriert wird: Beste Berliner Schule, mit der Gitarre als Sequenzer, so wie es Manuel auch gerne gemacht hat, und dazu Visuals, die das Thema "Wasser" und "fließen" aus unterschiedlichsten Richtungen interpretieren.  Auch wir werden in den Flow für eine knappe Viertelstunde hinein gezogen. Darauf folgt - quasi als großes Finale - das, was man schon während der Proben erahnen konnte. Lutz hat auf einigen der "Analog Overdose" Alben von Fanger und Schönwälder die Saiten gezupft. Legendär ist der Track "Frankfurter Allee" vom fünften Teil dieser Reihe. Thomas, Mario und Lutz sitzen während der Aufnahme im Auto und fahren die gleichnamige Straße in Berlin immer wieder herauf und herunter. Diese Session wurde auch im Bild festgehalten. Mehrere Kameras nahmen sowohl die Musiker als auch die Menschen und Gebäude auf, die während der Fahrt vorüber ziehen. Das Video und der Original-Track bilden die Basis, auf der Lutz heute noch eine weitere Gitarrenspur improvisiert. Quasi eingestimmt durch den vorigen Track, ziehen die sich wiederholenden Bilder uns in den gedanklichen Tunnel. Immer wenn man meint, die Reise hätte ihren Endpunkt erreicht, macht das Auto kehrt und die Musik findet doch noch eine neue Wendung. Auch im Original ist "Frankfurter Allee" über zwanzig Minuten lang.

Aber irgendwann hat die Reise durch Berlin ihren Zielpunkt erreicht, und das diesjährige EM-Breakfast ebenso. Wer eingangs vielleicht noch Zweifel hatte, ob ein Gitarrist ohne jegliches Keyboard auch ein EM-Publikum begeistern könnte, der ist an diesem Tag überzeugt worden. Diese EM-Matinee mit "Lüül" wird den Besuchern noch lange im Gedächtnis bleiben. Falls dort noch Platz für ein oder zwei Termine wäre: Am 30. Dezember lädt der Schallwende-Verein ins Planetarium Bochum zu "Hello 2026" ein. Das Doppelkonzert mit Ron Boots und Frank Dorittke ist mittlerweile ausverkauft, aber die im Februar anstehende Schallwelle-Preisverleihung natürlich noch nicht. Wer dort geehrt werden wird, steht natürlich noch nicht fest, denn die Wahlen dafür werden erst Mitte des Monats beginnen - ein erster Blick auf die Listen ist aber seit Monatsanfang möglich.

Die Reise geht für den Schallwende-Verein also weiter, und mit ihm für seine Mitglieder und Freunde. So wie es aussieht, wird sie nach den genannten Stationen - und einem Grillfest im Sommer - auch wieder hier nach Bochum führen, wenn zu Anfang der Adventszeit akustische mit echter Nahrungsaufnahme verbunden wird. Wer dann auftreten wird, das steht noch nicht fest. Aber die Auswahlmöglichkeiten sind breit gestreut, gerade der heutige Tag hat das gezeigt. Wir drücken Klaus Sommerfeld die Daumen, dass ihm für das EM-Breakfast 2026 wieder ein genauso guter Griff gelingen wird!

Alfred Arnold

 

Über Empulsiv

Empulsiv wurde 2011 als Webzine für (traditionelle) elektronische Musik gegründet. Es berichtete über ein Jahrzehnt von musikalischen Events und über Veröffentlichungen, präsentierte Interviews und Neuigkeiten aus der Szene. Ende 2022 wurde das Webzine eingestellt. Es wird nun als Infoportal mit Eventkalendar, Linksammlung und Archiv fortgeführt, so dass Neues sowies Vergangenes weiterhin gefunden werden kann.