Mit der Adventszeit ist auch in meinem Terminkalender - sieht man von den Schallwelle-Wahlen einmal ab - etwas Ruhe eingekehrt. Seit über zwei Monaten gibt es auch einmal wieder Wochenenden, an dem mich der Weg nicht zu irgendeinem Event führt.

Zum dritten Advent gibt es aber doch noch einen Termin, bevor die Feiertage kommen, und passend zur vor-weihnachtlichen Stimmung ist der in einer Kirche. Die Herzberg-Kirche liegt in gleichnamigen Ortsteil Sprockhövels. Sprockhövel ist die Heimat von Matthias Lehmann, der in diesem Jahr alle vier Jahreszeiten vertont hat und dessen entspannte und atmosphärische Musik sicher auch gut an so einen Ort passen würde. Heute wird aber von einem Musiker bespielt, der auch nicht von viel weiter anreisen musste: Martin Stürtzer lebt und arbeitet in Wuppertal, und das ist auch nur einen Katzensprung von Sprockhövel entfernt.
Mit Kirchen als Resonanzraum kennt Martin sich ja bekanntermaßen aus. Ob er heute zum ersten Mal in der Herzberg-Kirche spielt, das weiß ich nicht, aber für mich ist es das erste Mal, dass der Weg mich nach Sprockhövel führt. Von guten Erfahrungen mutig geworden, mache ich von meinem Deutschland-Ticket Gebrauch. Ab Aachen-West fährt der Regionalexpress, und ab Wuppertal-Barmen eine Buslinie, die direkt an der Kirche hält.
Bahn und Bus sind auf die Minute pünktlich, so dass ich noch unerwartet viel Zeit habe, um die Gegend etwas zu erkunden. Eine alte Bergwerks-Lore und erinnert an die Bergbautradition dieser Gegend, sowohl was Kohle als auch Eisenerz angeht. Minen gibt es heute hier keine mehr, dafür viel Natur, gute Luft und Ausblicke von den Hängen herab. Ich beginne zu verstehen, woraus Matthias Lehmann die Inspiration für seine Musik schöpft. Eine griechische Taverne mit dem originellen Namen "Spitzbub" gäbe es auch noch, aber für ein frühes Abendessen wäre die Zeit dann vielleicht doch etwas knapp - das merke ich fürs nächste Mal vor und gehe wieder zurück zur Herzberg-Kirche. Dort treffe ich auf eine Gruppe Schüler, die mit ihrer Lehrerin wohl gerade auf einer Art Schnitzeljagd ist. Die Frage an diesem Ort: Ist der "Turm der Zeit" älter oder jünger als einhundert Jahre? Egal, wie die Antwort auf diese Frage lautet, das Gebäude ist alt genug, dass der Zahn der Zeit daran nagt. Die Kirche ist von von einem Baugerüst umgeben, weil am Dach gearbeitet werden muss, und die Glasfenster sind zum Schutz vor herab fallenden Teilen mit Plexiglas-Scheiben abgedeckt.
Wenn man so früh zu einem Termin gekommen und bisher alleine ist, dann kommen mir immer im Stillen Zweifel, ob ich denn überhaupt hier und heute richtig bin. Die sind aber schnell zerstreut: Ein Wagen mit einem Oberheim-Aufkleber auf der Heckscheibe, und ein Aushang im Schaukasten der Kirche bestätigen Ort und Zeit. Dieses Konzert ist Teil der Advents-Kalenders der Kirchengemeinde, der für jeden Tag ein anderes Event vorsieht. Dazu gehört auch, einfach mal ein besonders schön weihnachtlich geschmücktes Fenster in der Nachbarschaft zu bewundern, und dem Schöpfer ein weihnachtliches Ständchen zu bringen!
Aber heute steht ein Konzert in der Kirche auf dem Programm, und dafür kommen natürlich auch viele Besucher von außerhalb. Ich bin mittlerweile nicht mehr alleine, und die Gespräche kreisen um elektronische Musik. Bei der Gelegenheit mache ich wieder einmal die Erfahrung, dass es zwischen Martins Fans und 'unserer EM-Szene' zwar große Überlappungen gibt, es aber eben auch viele gibt, die z.B. von BK&S und deren Kirchenkonzerten nur entfernt gehört haben. Bei solchen Gelegenheiten kann ich dann eine der Schallwende-Visitenkarten verteilen, die ich immer dabei habe.
Es ist in den letzten Tagen deutlich kühler geworden, und auch von draußen kann man schon hören, dass in der Kirche die Heizung läuft. Vielleicht komm man ja doch schon etwas früher herein, und so riskieren wir schon einmal einen Blick in den Vorraum. Aber drinnen laufen noch ein paar Vorbereitungen für das Konzert, die besser gehen, wenn noch keine Besucher im im Kirchensaal sind. Wir sollten uns deshalb besser draußen noch ein wenig bewegen, und vielleicht hat der Glühwein-Stand auf der anderen Straßenseite ja auch bereits geöffnet?
Das ist aber noch nicht der Fall, und aus Erfahrungen mit dem Aachener Weihnachtsmarkt weiß ich, dass ein oder zwei Gläser Glühwein ganz schön 'zu Kopf steigen' können, wenn sie auf einen leeren Magen treffen. Und es wäre schade, Martins Konzert deswegen teilweise nicht zu erleben. Und mittlerweile warten so viele andere Besucher auf Einlass, dass die restliche (Warte-)Zeit bis halb fünf wie im Fluge vergeht.
Der Kirchenraum ist natürlich weihnachtlich geschmückt. Auf dem Adventskranz sind drei Kerzen entzündet, und Pfarrer Ortwin Pflägling darf sich darüber freuen, dass sich die Bänke bis zur hintersten Reihe füllen. Auch die wenigen Plätze auf der Empore, mit der Orgel im Rücken, werden genutzt. Die Einnahmen aus dem Kartenverkauf kommen übrigens zu hundert Prozent den Reparaturarbeiten am Dach zugute. Martins Salär für diesen Abend wird von der örtlichen Sparkasse gesponsert.
Pfarrer Pflägling ist mit Martins Musik auch nicht unvertraut, und er erzählt in seiner Begrüßung, wie er sich darauf freut, dass sie den dekorierten Saal füllen wird. Damit das gut funktioniert, sind noch kurzfristig zwei weitere, große Boxen samt Verstärker beschafft worden. Eben deren Aufbau und Soundcheck haben dafür gesorgt, dass bis zum Einlass und darüber hinaus am Setup gearbeitet wurde. Martin war dabei ein ums andere Mal hinter der Leinwand, und hat uns Fotografen mit seiner Silhouette ein schönes Motiv geliefert.
Jetzt steht Martin aber vor der Leinwand und richtet auch noch ein paar Worte an die Besucher. Er wird zwei Sets spielen, mit einer guten Viertelstunde Pause dazwischen. Im ersten Teil wird ambient und spacig werden, und - damit hier niemand weg dämmert - wird es im zweiten Teil rhythmisch und Richtung Dub gehen. Ach ja, und die Fotografen mögen sich etwas zurück halten, insbesondere was den Einsatz von Blitzlichtern angeht. Martin legt in seinen Konzerten Wert auf einen durchgehenden Flow, und der würde dadurch gestört werden. Ein Videomitschnitt wie neulich in Erkrath wird heute übrigens nicht gemacht - wer jetzt nicht dabei ist, hat es halt nicht erlebt...
Zwei Parallelen zu Martins Doppelkonzert neulich in Erkrath fallen direkt auf. Zum einen wird es ähnlich dunkel. Das erschwert uns, die wir ein paar Momente im Bild festhalten wollen, natürlich die Aufgabe, aber andererseits zeigt es, dass Martin bei seinen Konzerten sich selber nicht in den Vordergrund stellen will: Die Musik ist das wichtige, und der von ihr erzeugte Flow. Und die zweite Parallele: Martin steigt mit dem Titel-Track seines aktuellen Albums "Antares Station" ein. Indes: Mit dem Sound scheint er noch nicht ganz zufrieden zu sein. Ein kurzer Sprint zum Mischpult, während die Baseline weiter läuft, dann füllen die vier Lautsprecher den Saal endlich zu seiner Zufriedenheit, und die Reise in die Weiten des Weltalls kann ihre volle Wirkung entfalten. Die Visuals tragen ihren Teil bei: keine hektischen Animationen, stattdessen quasi-statische Bilder von Planeten und Sternen. Wie auch sonst, geht ein Titel sanft in den nächsten über. Mal treten dabei die Sequenzen in den Vordergrund, mal die Flächen. Und wie sehr man dabei von Martin in den Tunnel gezogen wird, merkt man nicht zuletzt daran, dass man die Zeit vergisst: Als das Licht wieder hoch gezogen wird und Martin sich verbeugt, mag man kaum glauben, dass beinahe eine Stunde verstrichen ist.
Bis zum zweiten Teil ist eine Viertelstunde Pause - Zeit genug, etwas Nachschub an Getränken zu holen oder draußen etwas frische Luft zu schnappen. Martin dagegen hat am CD-Stand zu tun. Die übliche Frage: Auf welchem Album finde ich das, was gerade gespielt wurde? Das ist in erste Linie natürlich die "Antares Station", und das ist das eine Album von Martin in diesem Jahr, das auch auf Vinyl erschienen ist. Beides wird selbstverständlich gerne noch signiert.
Bevor Martin den zweiten Teil beginnt, tritt er noch einmal nach vorne und hält er ein einzelnes Blatt hoch. Das heutige Set wäre so kompliziert, dass er das erste Mal nach Noten spielen würde. Indes: Wenn er das wirklich vor hätte, dann wären zwei A4-Seiten für eine knappe Stunde doch etwas wenig? Mehr als Einsteiger und Kernthema für die einzelnen Tracks kann das wohl nicht sein.
Und in der Tat, mehr als ein paar kurze Blicke ist das Notenblatt im folgenden nicht wert. So wie das Tempo der Titel deutlich zulegt, so agiert auch Martin deutlich mehr in seiner Keyboard-Burg. Der Zeit und dem Ort angepasst, spielt Martin aber keinen 'harten Dub'. Es ist stattdessen die Mixtur aus Dub und Ambient, die er auf der "Acoustic Systems" in diesem Sommer veröffentlicht hat, und die auch Gnade vor Neptuns Ohren finden würde - bei früheren Dub-Home-Konzerten hatte sich Martins vierbeiniger Mitbewohner ja schon einmal von der Bildfläche verkrümelt.
Die Visuals gehen das Tempo mit, anstelle galaktischer Still-Leben sehen wir nun Kaleidoskop-artige Animationen, die mit mehr oder weniger abstrakten Motiven spielen. Und ja, die in der Pause versprochenen Fische sind auch zu sehen...wenn man sich nicht wieder in den Flow ziehen lässt und die Augen für eine Weile zumacht. Denn die Übergänge zwischen den Tracks sind fast genauso sanft wie im ersten Teil, und auch das Licht in der Kirche ist wieder so weit gedimmt, dass alles außer den Sounds und Visuals ausgeblendet wird.
Normalerweise ist 'Licht am Ende des Tunnels' ja etwas positives, aber in diesem Fall bedeutet es, dass wir den Flow verlassen und wieder in das Hier und Jetzt zurück kehren müssen: Wieder aufgedrehtes Licht im Saal signalisiert, dass das Ende der heutigen Reise durch Martins Klangwelten erreicht ist. Der Applaus ist genauso reichlich wie nach dem ersten Teil, und Martin wirkt in seinen abschließenden Worten sichtlich erleichtert. Die 'Last-Minute-Aktion' mit den zusätzlichen Lautsprechern hat etwas an den Nerven gezerrt, aber schlussendlich hat alles so funktioniert wie es soll. Pfarrer Ortwin Pflägling darf sich über einen schönen finanziellen Beitrag zu den Reparaturarbeiten freuen, und es wechseln auch noch einmal einige Tonträger ihren Besitzer. Dann ist es an der Zeit sich auf den Weg nach Hause - und in die Feiertage - zu machen.
Wie meine Heimfahrt nach Aachen verlaufen ist? Na ja, es war nicht ganz so nach Fahrplan und auf dem kürzesten Weg wie am Nachmittag. Aber letzten Endes bin ich noch am gleichen Tag wieder angekommen, und sollte Martin einmal wieder in Sprockhövel spielen, werde ich das Abenteuer "Bus und Bahn" wieder wagen. Vielleicht sind dann auch die Baugerüste von der Herzberg-Kirche abgebaut, und die Natur um Sprockhövel wird sich zu einer anderen Jahreszeit in einem anderen Kleid zeigen. Aber auch wenn nicht, sowohl Martins Konzerte als auch dieser Ort sind immer einen Besuch wert - diesen Erkenntnis nehme ich vom heutigen Abend mit!
Alfred Arnold
