Anders als die vergangenen Releases des Aacheners, beschäftigt sich das aktuelle Album mit verschiedentlichen Tracks aus dem Archiv. Die Stücke stammen aus früheren Projekten, die Schröder mit diversen Partnern realisiert hatte. Egal ob Computerspiel-Sound, Komposition für einen Sampler oder Realisierung für eine technische Innovation, alle Titel haben einen besonderen Charme, da sie zumeist aus den 80er und 90er entsprungen sind und den typischen Sound dieser Zeit transportieren. Nicht nur Schröder-Fans werden ihren Spass an der Zeitreise haben, den bereits beim ersten Track ist man mitten im 8-Bit erzeugten Game-Modus und schmunzelt gelegentlich auch im weiteren Verlauf des Albums, über die Anhäufung stimmungsgeladener CPU-Tunes. Herrlich schräg und schön!
Stefan Erbe
Ok. Es ist natürlich elektronische Musik, und es gibt (ein paar) Tangerine-Dream-Sounds. Das war es aber auch schon mit dem elektronischen Traditionsbewusstsein von eCe Boas. Das Nordlicht von der Ostsee hält sich ansonsten mehr an an die Moderne, weiß wie man eingängige Rhythmen aufbaut, eine knackige Kick formt, patzt leider manchmal an der Charlestonmaschine, kommt aber ansonsten ganz ordentlich mit den Soundgenre im Jahr 2015 klar.
Wobei ich die ihm typischerweise angehängten Label wie »House« oder »Techno«, oder gar »Ambient« hier entschieden zurückweise. Fischland ist natürlich das alles, und trotzdem nichts von dem. Und das meine ich entschieden positiv. Fischland ist mehr. Das Album, um es mal flapsig auszudrücken, hat's drauf. Während die Masse der House oder Techno-Musiker von eigenen Gnaden Stunden über Stunden darüber brüten wie sie ihre Tracks verschlimmbessern können, oder so klingen lassen wie der an diesem Nachmittag total angesagte Act, liefert eCe Boas sauber produzierte moderne Musik die man sich anhören kann, und will. Wer will darf dazu auch tanzen.
Wenn man der „elektronischen Musik in der Tradition der Berliner Schule“ mal den Staub von den Moog- und ARP- und Sequential-Sounds bläst, aus den Arrangements den allgegenwärtigen Sequenzer etwas zurück nimmt, und kühne Experimentierfreude und Anleihen aus der aktuellen Elektro-Szene einfließen lässt, dann kommt am Ende ein Album heraus, dass nicht nur dem Kenner das Wasser im Munde zusammen laufen lässt, sondern im positivsten Sinne des Wortes „Mainstream“ wird. Ein Album für jeden, der mehr von Musik erwartet als Umtata, Umtzeumtze oder „Atemlos durch den Wahnsinn“.
Matthias Reinwarth legt die Messlatte für intelligente elektronische Musik eine Raste höher. Und zwar in der ruhigen Gewissheit noch Luft nach oben zu haben. Das Album wäre sein 17,99 Euro inkl. Versand mehr als wert, wenn es nicht kostenlos bei tonAtom.net auf Deinen Download lauern würde. Als mp3 und flac.
Traveller hat mich süchtig gemacht. Ich liebe die frischen Sounds, die ungewöhnlichen Experimente, bei gleichzeitig vollkommenen Verzicht auf den schnellen Effekt, und die traditionsbewusste Weise Klänge und Arrangement zu verbinden, um daraus Kopfkino in 4k-HD anzustoßen. Und jetzt genug getippt, auf tonAtom.net liegen möglicherweise noch mehr Perlen wie Traveller, und warten nur darauf entdeckt zu werden. Ich tauch' dann mal ab …
Bezug: tonAtom
Tom
Ambiente Musik kann man auf zweierlei Art hören: entweder ihrem Ursprung nach, als beiläufige Musik im Hintergrund, oder intensiv, was zum einen ein gewisses Maß an Konzentration erfordert und zum anderen unweigerlich zu einem Gedankenfilm führt. Tribal Ambient ist dabei eine Besonderheit, denn unweigerlich führt ihr Stil zu Bildern aus einer anderen, älteren Welt. Hier mischen sich moderne Klänge und Flächen mit jenen vergangener und fremder Zeiten, spielen elektronische Instrumente im Einklang mit eingängigen aber nicht unbeding aufdringlichen Rhythmen und kulturell verbreiteten Klangerzeugern.
Mit Blood Moon reihen sich Paul Casper alias Frore und Shane Morris in die bekannte Reihe amerikanischer Elektroniker ein, die Tribal als spannende Ergänzung zum sonst eher technisch angehauchten Ambient verstehen. Die insgesamt dennoch sehr ruhigen Stücke längerer Bauart vereinen dabei die leicht kühleren synthetischen Flächen und Effekte mit treibenden Rhythmen und warmen Klängen von Holzblasinstrumenten wie dem Duduk und diverser Flöten. Hierbei entstehen Hörerlebnisse, die mit eher schamanenhaftem Unterbau und eher orientalisch anmutenden Harmoniebögen der Fantasie ein weites Feld eröffnen. Es lohnt sich, genauer zuzuhören und in diese Welt hinein zu versinken.
Bezug: Spotted Peccary (erhältlich ab 3. April)
Stefan Schulz
Kellerkind Berlin ist ganz groß im Kommen. Überall ploppen Postings und Beiträge über ihn im Web auf, in denen steht dann so was wie „hast Du schon gehört", „das lohnt sich da mal reinzuhören", „ganz neu und richtig gut". Dabei ist Christian Gorsky schon seit Jahren als Musiker im Web unterwegs, hat 10 Alben produziert, und ist auf weiteren Samplern zu hören.
Signs ist sein aktuelles Album, und das erste mit dem ich in Berührung kam. Es ist vollständig auf dem Notebook entstanden. Und wer mich kennt weiß, dass ich von so was immer ganz schlimme Flecken am Hals bekomme. Ganz anders bei diesem Album. Kellerkind Berlin lässt seine PlugIn-Synths in sanften, aber charaktervoll gut durchzeichneten Klängen ruhige und wunderbar strukturierte Stücke spielen.
Ich habe Kellerkind Berlin zu den Sounds und den Arrangements befragt, und was sie über ihn aussagen. Er sagt: „Nun ich bastle gerne noch ein wenig daran herum, z. B. ob ich mir das selber anhören würde. Und ganz wichtig: meine Muse. Die muss jedes Stück über sich ergehen lassen und dazu eben auch Kritik oder Lob bringen. Ansonsten versuche ich meine Grundeinstellung zum Leben vielleicht wieder zu spiegeln. Entspannt (wenn möglich), genießen was grad da ist, und sich in der Musik einfach laufen lassen. So in etwa ..."
Christians Musik berührt mich auf eine sanfte und unaufdringliche Weise, die richtig gut tut. Und wenn das Album zu Ende ist, muss ich immer schwer mit der Versuchung ringen es gleich wieder zu starten. Chapeau!
Bezug: Signs auf Bandcamp für €4 (oder freiwillig mehr) als Download
Tom (Flächenklang)
Über Empulsiv
Empulsiv wurde 2011 als Webzine für (traditionelle) elektronische Musik gegründet. Es berichtete über ein Jahrzehnt von musikalischen Events und über Veröffentlichungen, präsentierte Interviews und Neuigkeiten aus der Szene. Ende 2022 wurde das Webzine eingestellt. Es wird nun als Infoportal mit Eventkalendar, Linksammlung und Archiv fortgeführt, so dass Neues sowies Vergangenes weiterhin gefunden werden kann.
