
Was macht für mich einen guten Musiker aus? Zum Beispiel die Fähigkeit, sich zu entwickeln und nicht immer wieder das gleiche Album zu machen. Das hat Joerg Dankert mit seinem neuen Werk gezeigt. War der Vorgänger "Between the Meantime" eine Art Tagebuch der letzten Monate, mit den daraus resultierenden Sprüngen und Brüchen, so haben die Titel auf "Messages" eine gemeinsame Grundidee, in die sie sich einfügen. Dieser Aufhänger ist der Kurzwellen-Funk, der für viele von uns vor dem Internet das Tor in die große weite Welt war. Das schließt sowohl mitgehörte Sprechfunk-Verbindungen ein, als auch Radiosender aus aller Welt auf diesem Band, inklusive der ominösen "Zahlensender": Auf denen liest eine monotone Stimme endlose Zahlenkolonnen vor, deren Sinn und Inhalt wohl nur die Geheimdienste kennen.
Zu einem Musik-Album gehört natürlich mehr, als nur ein Funkspruch-Samples mit ein paar Sounds zu mixen. Joerg hat aus diesen Zutaten ein echtes Ambient-Album erschaffen, das eine durchgängig warme und heimelige Stimmung erzeugt - eben diejenige, die man als Teenager vielleicht hatte, wenn man abends die Skala am Radio durchkurbelte. Hört man genauer hin, findet man mit den Inhalten der Funksprüche aber eine zweite Ebene. Da die teils militärischen Ursprungs sind, schlägt das die Brücke zu unseren heutigen, leider nicht mehr so friedvollen Zeiten.
So erreicht "Messages" das, was ich hier an früherer Stelle schon über die Alben eines anderen sehr geschätzten Musikers geschrieben habe: Man kann sich einfach zurück lehnen und in der Musik "baden", nach der dritten oder vierten Runde kann man aber auch etwas bewusster eintauchen und sich mit den Botschaften auseinander setzen. Bei mir hat dieses Album deutlich mehr als drei Mindest-Durchhör-Runden bekommen, ein Zeichen dafür, dass die Musik nicht nur einfach hindurchgeht, ohne dass etwas hängen bleibt.
Joerg Dankert neues Album schlägt gekonnt die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Den diesjährigen Schallwelle Newcomer-Preis völlig zu recht erhalten. Ich bin sicher, wir dürfen von ihm noch einiges erwarten.
https://joerg-dankert.bandcamp.com/
Alfred Arnold


State Azure aus England ist mittlerweile nicht zu übersehen, wenn es sich um die interessantesten Electronic-Musiker der Gegenwart handelt. Sein aktuelles Album besteht aus nur einem einzelnen Track von über 99 Minuten Länge, der durch Inspiration von früheren Brian Eno Werken entstanden ist. Der Mastermind hinter dem Pseudonym State Azure hat sein ein paar Monaten ein neues Studio südlich von London, sowie neues Equipment. Atmosphäre ist, wie der Künstler sagt, nicht nur in seiner Musik wichtig, auch seine Working Area soll davon profitieren. Schön für uns, die wir an den neuen Klangergüssen teilnehmen dürfen. Daher wundert es nicht, dass der Sound-Workaholic fast Tag und Nacht im Studio arbeitet und ständig neue Veröffentlichungen präsentiert. Seine Kreativität scheint unaufhaltsam zu sein.
Vielleicht ist das hier das falsche Klientel, doch Troels Hammer ist Keyboarder und einfach zu gut um nicht mit ein paar Zeilen gewürdigt zu werden. Der 58jährige Däne hat jetzt sein 4. Album in der Kategorie Ambient veröffentlicht und wie war das nochmal mit dem reifen Wein? Dieses Album dürfte wohl sein Bestes sein! Es startet mit dem Titel „Vendetta“. Bei diesem Song komme ich mir vor wie Aladin und die Wunderlampe - denn es beginnt geheimnisvoll, hypnotisch und zauberhaft mit Flächensound und Pianotupfer - bis schließlich der Dschinn aufsteigt und der Song jetzt richtig Fahrt aufnimmt und der Dschinn sich immer mächtiger entwickelt und zum Reggae tanzt und schließlich noch zur Leadgitarre greift! Der Track hat nun das Potential die ganze Welt zu umarmen. Was für ein Hammer! Dennoch liegt die Stärke von Troels Hammer in den leisen, feinen Klängen wie im Titelstück „House Of Memories“. Er glänzt mit einer eigenwilligen Verschmelzung aus Electronic, Jazz und Chillout. Jeder Song ist eine Wundertüte, jeder Song ein Prachtstück. Diverse Gastmusiker verdichten die Kunstwerke an den entsprechenden Stellen wohldosiert mit Saxophon, Violine, Handpan oder Schlagzeug. Diese Musik ist warm und menschlich und manchmal verziert mit einer atmosphärisch-femininen Gesangseinlage. Mutig experimentiert der Künstler in dem obskuren Track „Memorial Mountains“. Unterm Strich ist das gesamte Album ein kleines, feines Meisterwerk - unaufdringlich, geschmackvoll - ein Querschnitt moderner, anspruchsvoller Weltmusik, Electronic und Chillout.
Es existieren in der EM-Szene Veröffentlichungen, bei denen man als Hörer denkt, dass sie vielleicht doch besser im Heimstudio des Musikers verblieben wären. Und es gibt die CDs, bei denen man froh ist, dass sie doch noch das Ohr des EM-Liebhabers erreichen.