
Was ist elektronische Musik? – Diese Frage ist nicht abwegig, wenn man sich die Werke von Pete Farn anhört. Elektronische Klangerzeugung ist das eine. Auf der anderen Seite kann man auch fragen: Muss es bei der EM immer um Melodie, Rhythmus, Sequenzen gehen? Sicherlich nicht. Gerade die Elektronikmusik bietet ja die vielfältigsten Möglichkeiten. Oft genügen Klänge, Klangstrukturen oder „Soundscapes“, um Hörerinnen und Hörer zu berühren oder anzurühren. Ob etwas gefällt, ist ohnehin eine Frage, die man nur für sich selbst beantworten kann. Manche EM-Produktion will womöglich gar nicht „gefallen“. Ich würde auch nicht behaupten wollen, dass ich „Grainscapes Vol. 1“ von Pete Farn im herkömmlichen Sinn „schön“ finde. Dafür sind die drei Stücke viel zu experimentell. Das Album betrachte ich eher als klangliches Abenteuer.
Das Besondere an „Grainscapes“ ist zunächst einmal die Entstehung dieser Klänge. Ich musste mir mangels Kenntnis erst ein paar Informationen darüber suchen, was „Grains“ bzw. granulare Synthese ist. Sehr vereinfacht kann man vielleicht sagen, dass bei der granularen Synthese Klänge in winzige Teile oder Abschnitte zerlegt werden, die bis wenige Millisekunden kurz sind, um dann wieder neu zusammengesetzt zu werden. Dadurch erzeugt man völlig neue Klänge, aus denen der ursprüngliche Sound möglicherweise kaum noch zu erkennen ist.
Für mich als jemanden, der sich elektronische Musik anhört, ist die Entstehung aber nicht das Wichtigste. Entscheidend ist, was dabei bzw. was aus den Lautsprechern herauskommt. Und ja, was von Pete Farn erklingt, ist „seltsam und experimentell“, wie bei SynGate zu lesen ist. Und zugegebenermaßen ist das auch keine leichte Kost, aber bestimmt nicht unbekömmlich. Melodien? – Fehlanzeige. Rhythmen? – Ja, in seltenen Fällen für eine Zeit lang. Faszinierende Sounds? – Unbedingt.
So seltsam und fremdartig die Sounds auch sind, die Peter Schaefer unter seinem Künstlernamen Pete Farn für sein Album geschaffen hat, sie können doch Bilder vor meinem geistigen Auge aufrufen. Ich sehe zum Beispiel Nebelschwaden, die durch den „Twilight Forrest“ ziehen (wobei mir die Schreibweise des Forest mit zwei „r“ etwas rätselhaft ist), merkwürdige Kreaturen im Unterholz, Vögel, die aufgescheucht werden. Auch in „A Grainy Summerday“ tauchen Bilder auf. Am greifbarsten aber finde ich den kurzen Track „The Hive“: Beim Hören dieses Stückes kann ich mir tatsächlich das Treiben vor oder in einem Bienenstock vorstellen – in Nahaufnahme und Zeitlupe.
Ich weiß nicht, woran es liegt, aber die Klangwelt von „Grainscapes Vol. 1“ fesselt mich. Vielleicht ist es schon die Faszination, die elektronische Klänge auf mich ausüben. Jedenfalls kann ich mir dieses Album gut anhören, und mit der Zeit werden die Klänge auch vertrauter. – Je öfter ich Pete Farns Grainscapes höre, desto faszinierender wird das Album. Musik, die Aufmerksamkeit und Zeit erfordert und sich nicht zur Berieselung eignet. Ich meine, es lohnt sich allemal, diesen Klängen Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen.
https://petefarn.bandcamp.com/
Andreas Pawlowski



State Azure aus England ist mittlerweile nicht zu übersehen, wenn es sich um die interessantesten Electronic-Musiker der Gegenwart handelt. Sein aktuelles Album besteht aus nur einem einzelnen Track von über 99 Minuten Länge, der durch Inspiration von früheren Brian Eno Werken entstanden ist. Der Mastermind hinter dem Pseudonym State Azure hat sein ein paar Monaten ein neues Studio südlich von London, sowie neues Equipment. Atmosphäre ist, wie der Künstler sagt, nicht nur in seiner Musik wichtig, auch seine Working Area soll davon profitieren. Schön für uns, die wir an den neuen Klangergüssen teilnehmen dürfen. Daher wundert es nicht, dass der Sound-Workaholic fast Tag und Nacht im Studio arbeitet und ständig neue Veröffentlichungen präsentiert. Seine Kreativität scheint unaufhaltsam zu sein.
Vielleicht ist das hier das falsche Klientel, doch Troels Hammer ist Keyboarder und einfach zu gut um nicht mit ein paar Zeilen gewürdigt zu werden. Der 58jährige Däne hat jetzt sein 4. Album in der Kategorie Ambient veröffentlicht und wie war das nochmal mit dem reifen Wein? Dieses Album dürfte wohl sein Bestes sein! Es startet mit dem Titel „Vendetta“. Bei diesem Song komme ich mir vor wie Aladin und die Wunderlampe - denn es beginnt geheimnisvoll, hypnotisch und zauberhaft mit Flächensound und Pianotupfer - bis schließlich der Dschinn aufsteigt und der Song jetzt richtig Fahrt aufnimmt und der Dschinn sich immer mächtiger entwickelt und zum Reggae tanzt und schließlich noch zur Leadgitarre greift! Der Track hat nun das Potential die ganze Welt zu umarmen. Was für ein Hammer! Dennoch liegt die Stärke von Troels Hammer in den leisen, feinen Klängen wie im Titelstück „House Of Memories“. Er glänzt mit einer eigenwilligen Verschmelzung aus Electronic, Jazz und Chillout. Jeder Song ist eine Wundertüte, jeder Song ein Prachtstück. Diverse Gastmusiker verdichten die Kunstwerke an den entsprechenden Stellen wohldosiert mit Saxophon, Violine, Handpan oder Schlagzeug. Diese Musik ist warm und menschlich und manchmal verziert mit einer atmosphärisch-femininen Gesangseinlage. Mutig experimentiert der Künstler in dem obskuren Track „Memorial Mountains“. Unterm Strich ist das gesamte Album ein kleines, feines Meisterwerk - unaufdringlich, geschmackvoll - ein Querschnitt moderner, anspruchsvoller Weltmusik, Electronic und Chillout.