Rezensionen

Über Zufallsentdeckungen freut man sich oft am meisten. Zum Beispiel diese: Ein Freund fotografiert auf Instagram den Stapel seiner neu erworbenen CDs und die oberste ist gut lesbar... Und sieh an, auf dem Streamingdienst der Wahl ist das Album verfügbar. Also: Ohne etwas zu wissen „Play“ drücken.

Dieses Album war „Platform“, das dritte Album von Holly Herndon, die ich bislang nicht kannte, allerdings sehr zu unrecht. Nach drei Titeln war klar, das ist so gut, das verlangt nach mehrmaligem Hören.

Komplexe elektronische Kompositionen, immer wieder zentral auf die Vocals der Künstlerin bauend, spannen ihre eigene Welt auf. Mal spröde, mal groovend, aber immer wieder als umfassende Herausforderung an traditionelle Hörgewohnheit. Avantgarde, natürlich. Und trotzdem irgendwie Pop. Zwischen Laurie Anderson, Matthew Herbert und Aphex Twin sucht man die ersten Einflüsse, aber da ist so vieles mehr zu entdecken. Vor allem viel überbordende Kreativität der Mittdreissigerin aus San Francisco, die sie maßgeblich mit der Hilfe des Notebooks als zentralem Arbeitgerät umsetzt. Textlich wie musikalisch spannend lässt sie klassische Song- und Kompositionsstrukturen hinter sich, ohne den gelegentlichen Hörer sofort zu brüskieren. Der Dialog zwischen Mensch (Künstlerin) und Maschine (Notebook / Internet / Software) in einem Prozess der Neudefinition von Kommunikation im Zeitalter des Digitalen und mit all seinen Verheißungen, Möglichkeiten und Bedrohungen wird hier erlebbar gemacht. Politisch, philosophisch und sowohl technologiekritisch als auch utopisch. Und wer sich auf „Platform“ einlässt, wird mit einem Reichtum an neuen Eindrücken und Inspiration belohnt.

Mich begleitet das Album derzeit kontinuierlich und immer wieder durch den Alltag, und es ist bei jedem Hören neu und beeindruckend.

Über das Album hinaus lohnt es sich, sich mit den Visuals zu Holly Herndons Music auseinanderzusetzen, die sich u.a. auf Vimeo („Chorus“) oder muzu („Interference“) finden und ihr musikalisches Konzept kongenial ergänzen.

Ihr hochinteressanter Account bei Soundcloud birgt beispielsweise mit Minnesang: A tale of bits and atoms ein großartiges 20-minütiges Werk, das konzeptionell, textlich und musikalisch auch über den Rahmen von Platform noch hinausgeht.

Und auch ihr Tumblr-Blog geht weiter über billige Marketing-News hinaus.

Platform ist im Mai 2015 auf 4AD erschienen.

Bezug: via 4AD

Matthias Reinwarth

Wenn man mich danach fragt, was für mich kosmische Musik ausmacht, dann kann ich nur auf entsprechende Gedankenbilder verweisen. Blue Dream von Sequentia Legenda ist für mich kosmische Musik, denn sie löst unmittelbar solche Bilder aus: Sternenmeer, vorbeiziehende Kometen, "kreisende" Planeten eines Sonnensystems. Und wenn man sich eine Versetzungs ins All nicht vorstellen mag, stelle man sich ein Planetarium vor. Von der ersten Sekunde an versinkt man in einem Gefühl des schwerelosen Dahintreibens.

Das erste Stück, Fly Over Me, ist mit über 30 Minuten ein einziges solches Traumerlebnis. Man ist ja immer bemüht, Vergleiche zu finden, weil dies die Beschreibung der Musik vereinfacht. Hier fällt meine Erinnerung sofort auf die Musik von Software, wie von Peter Mergener geschrieben, zurück. Die tragend, schwebenden Flächen und die leicht schillernde Sequenz, die über den Lauf des ersten Stücks nur leicht variiert und in der Tonlage anpasst, sind wie eine aktuelle Variante des damaligen Mergener-Stils. Und doch ist es anders, symphonischer im Ansatz. Der anfänglich kaum vorhandene, nicht-invasive Rhythmus des Stücks zieht einen sanft mit und steigert sich bis in den dan aktiven aber nicht aufdringlichen Schlagzeugrhythmus zum Ende des Tracks.

Aus Fly Over Me geboren, das in 10 Untertitel aufgeteilt ist, sind die beiden Bonus-Tracks The Approach und Vibrations von je ca. 21 und 15 Minuten. Sie nehmen jeweils einen der Teilsektionen des Hauptstücks auf und führen sie weiter in eigenständige Erlebnisse. Dabei ist The Approach eine sehr intensive Ausarbeitung des kurzen Themas in der ursprünglichen Form, das zur Hälfte sehr rhythmisch und endringlich, zum Ende hin gar leicht unheilschwanger wirkt. Vibrations nimmt die leichtgewichtige Sequenz aus dem sehr kurzen Teilstück und bettet sie in kräftige Synthflächen ein; wie ein Schweben im Orbit während am Horizont langsam die Sonne hervortritt.

Insgesamt ein schönes, zeitloses Klanggemälde, das der französische Musiker Laurent alias Sequentia Legenda hier vorgelegt hat.

Kontakt: Künstler-Website
Bezug: Bandcamp

Nachtrag: Das Album ist mittlerweile auch als CD erhältlich, bestellbar über die Bandcamp-Seite oder über PWM Distrib.

Stefan Schulz

coverWenn "Mode-Mitmacher" Martin Gore ein Instrumental-Solo-Album veröffentlicht, darf und muss auch empulsiv mal einen Blick darauf werfen. Zugegeben, nach ein paar Takten, hätte es auch gepasst wenn ein paar Vocals von Dave Gahan das Erzeugte ergänzt hätten, aber die 16 Tracks bleiben frei von sämtlichen Gesangseinlagen. Wer nicht zur Hardcore-Mode-Fan-Gruppe gehört, wird das Album vielleicht als Grund erachten, sich nun wenigstens mit den Kompositionen eines Bandmitgliedes auseinander zu setzen. Ob es reicht, sich dann auch mit weiteren DP-Output zu beschäftigen bleibt zu bezweifeln, denn zu oft sind die Tracks nur Ansammlungen von Patterns und Ideen, die es aber irgendwie bis zum fertigen Song nicht geschafft haben. Dennoch ist der Gesamt-Content abwechslungsreich und selten langweilig, zumeist aber ein bisschen unspektakulär, so dass es die Hälfte an Tracks auch gereicht hätte. Gores Sound ist minimalistisch, tendenziell reduziert und hebt dabei einzelne Elemente in den Vordergrund, die dann das komplette Stück tragen müssen. Ein Konzept, dass nicht so ganz aufgeht, fehlt dann doch der Anteil eines Sängers wie Gahan. Aber dann wäre es wieder "Mode-Album", und wer will das schon...

Stefan Erbe

Ein mutiges Album von Mario Schönwalder und Frank Rothe. In Zeiten von Café Latte, Latte Macchiato, Espresso, Frappuccino Mocca, Granits de Café, Pharisäer, Café Creme, Café Brutto, Ristretto, Cappuccino con panna, Pingado, Irish Toffee, Kaffegök, Café de Lola oder dem australischen Flat White, dem Feinschmeckerpublikum mit einer schlichten Kanne Filter-Kaffee zu kommen. Aber die Rechnung geht auf. Denn so schlicht schmeckt es am Ende gar nicht, was uns die beiden da akustisch aufgebrüht haben.

Das geht schon mit dem Intro los, dass uns mit einem einzigartigen Aroma der frisch geöffneten Kaffeedose klar macht, was da auf uns zu kommt. Und wie dann das kochende Wasser über das gemahlene Pulver gegossen wird, zwei oder drei Minuten quellen muss, und dann Zug um Zug immer mehr Wasser durch das Filter gegossen wird, und so ein heiße Kanne voll anregender, tief dunkelbrauner Genusses entsteht, so geht die CD 102 durch die Blütezeit der traditionellen elektronischen Musik. Filter-Kaffee überrascht uns, in dem es eben keine Überraschungen bietet. Wir kennen die Klänge, wir lieben sie. Wir lieben die Arrangements, die Sequenzen, die sich entwickelnden Klangräume. Da sind wir zuhause. So war die Musik bei uns Zuhause. Nichts so ein neumodischer Kram, der am Ende dann doch nur Kaffee mit irgendwas ist. Das hier ist der Ursprung.

Aber, wie auch nach einer guten Tasse Filter-Kaffee bleibt nach dem Album 102 noch ganz lange ein seltsamer Geschmack im Mund zurück. Denn: Alles das ist lange her. Es ist die Musik-Revolution von vor über 40 Jahren. Eine andere Zeit, die heute nur noch am Tropf hängend überleben kann ...

Tom / flaechenklang.de

Orbit3Tom Webster alias Klangstein ist für Empulsiv schon lange kein Unbekannter mehr und veröffentlicht regelmäßig, interessante und sehr variable Releases auf seinem Label. Sein Aktuelles aber, hat er wieder selbst designed und schickt uns mit 16 Tracks plus Bonusmix ins Chillout-Universum. Im typischen Klangstein-Soundgebilde umkreisen wir die schicken klavierlastigen Drum meets Synths-Nummern, die gerade ab Mitte des Albums so richtig zünden und das Album damit hörenswert machen. Die Gastmusiker, die er ebenfalls um seine Tunes kreisen lässt, erzeugen die zusätzlichen Elemente, von denen es aber ruhig noch ein paar mehr hätte geben dürfen. Zum restlosen Genuß darf man sich ruhig ein bisschen Zeit nehmen, denn manchmal muss man zwei oder dreimal um den Klangstein-Orbit reisen, um die gesamte Schönheit zu erfahren! 

www.schalldeluxe.de

Stefan Erbe

flavourAnders als die vergangenen Releases des Aacheners, beschäftigt sich das aktuelle Album mit verschiedentlichen Tracks aus dem Archiv. Die Stücke stammen aus früheren Projekten, die Schröder mit diversen Partnern realisiert hatte. Egal ob Computerspiel-Sound, Komposition für einen Sampler oder Realisierung für eine technische Innovation, alle Titel haben einen besonderen Charme, da sie zumeist aus den 80er und 90er entsprungen sind und den typischen Sound dieser Zeit transportieren. Nicht nur Schröder-Fans werden ihren Spass an der Zeitreise haben, den bereits beim ersten Track ist man mitten im 8-Bit erzeugten Game-Modus und schmunzelt gelegentlich auch im weiteren Verlauf des Albums, über die Anhäufung stimmungsgeladener CPU-Tunes. Herrlich schräg und schön!

Stefan Erbe 

Ok. Es ist natürlich elektronische Musik, und es gibt (ein paar) Tangerine-Dream-Sounds. Das war es aber auch schon mit dem elektronischen Traditionsbewusstsein von eCe Boas. Das Nordlicht von der Ostsee hält sich ansonsten mehr an an die Moderne, weiß wie man eingängige Rhythmen aufbaut, eine knackige Kick formt, patzt leider manchmal an der Charlestonmaschine, kommt aber ansonsten ganz ordentlich mit den Soundgenre im Jahr 2015 klar.

Wobei ich die ihm typischerweise angehängten Label wie »House« oder »Techno«, oder gar »Ambient« hier entschieden zurückweise. Fischland ist natürlich das alles, und trotzdem nichts von dem. Und das meine ich entschieden positiv. Fischland ist mehr. Das Album, um es mal flapsig auszudrücken, hat's drauf. Während die Masse der House oder Techno-Musiker von eigenen Gnaden Stunden über Stunden darüber brüten wie sie ihre Tracks verschlimmbessern können, oder so klingen lassen wie der an diesem Nachmittag total angesagte Act, liefert eCe Boas sauber produzierte moderne Musik die man sich anhören kann, und will. Wer will darf dazu auch tanzen. 

Wenn man der „elektronischen Musik in der Tradition der Berliner Schule“ mal den Staub von den Moog- und ARP- und Sequential-Sounds bläst, aus den Arrangements den allgegenwärtigen Sequenzer etwas zurück nimmt, und kühne Experimentierfreude und Anleihen aus der aktuellen Elektro-Szene einfließen lässt, dann kommt am Ende ein Album heraus, dass nicht nur dem Kenner das Wasser im Munde zusammen laufen lässt, sondern im positivsten Sinne des Wortes „Mainstream“ wird. Ein Album für jeden, der mehr von Musik erwartet als Umtata, Umtzeumtze oder „Atemlos durch den Wahnsinn“.

Matthias Reinwarth legt die Messlatte für intelligente elektronische Musik eine Raste höher. Und zwar in der ruhigen Gewissheit noch Luft nach oben zu haben. Das Album wäre sein 17,99 Euro inkl. Versand mehr als wert, wenn es nicht kostenlos bei tonAtom.net auf Deinen Download lauern würde. Als mp3 und flac.

Traveller hat mich süchtig gemacht. Ich liebe die frischen Sounds, die ungewöhnlichen Experimente, bei gleichzeitig vollkommenen Verzicht auf den schnellen Effekt, und die traditionsbewusste Weise Klänge und Arrangement zu verbinden, um daraus Kopfkino in 4k-HD anzustoßen. Und jetzt genug getippt, auf tonAtom.net liegen möglicherweise noch mehr Perlen wie Traveller, und warten nur darauf entdeckt zu werden. Ich tauch' dann mal ab …

Bezug: tonAtom

Tom / flaechenklang.de