Rezensionen

olake150Der Franzose Sylvain Texier alias O-Lake serviert uns mit seinen 11 Tracks, einer Mixtour aus moderner Klassik und elektronischem Orchester, den idealen Soundtrack zum sinnierenden Aben(b)rot aus Rotwein und melancholischem Aufschnitt. Wer in Stimmung ist, sich mit den eigenen Gedanken in endlose Klavier- und Pad-Arpeggien zu begeben, wird mal schwereloser, mal schwerhafter von der Musik begleitet. Natürlich spielt die narrative Simplizität der Songs eine große Rolle, um die tonalen Botschaften relativ schnell zu verinnerlichen. Dennoch bedarf es die richtige Atmosphäre um das Album in Gänze zu verspeisen, denn zu mächtig sind die suggestive Eindrücke, um es als schnelles Fast-Food-Produkt zu verinnerlichen. Tiefsinniger und intensiver Cineasmus, aber nicht immer leicht.

www.olakemusic.com

Stefan Erbe

PERU The Return 1Als stetiger EM-Konsument der 80 und 90er gefielen dem Rezensenten nicht nur die Alben von Jarre, TD und Co. sondern natürlich auch die Musik des niederländischen Trios Peru. Schon damals vor 25 Jahren überzeugte ihr Stil mit eingängiger Elektronik, schönen Beats und schicken Melodien. The Return, der aktuelle silberne Wiederkehrer des nun als Duos fungierender Band, fügt sich beinahe nahtlos an die Tracks von einst ein und erzeugt sogleich eine kurzweilige und mainstreamige Melange an arpegierten und sequenzierten Stücken. Wie praktisch, dass Rob Papen, einer der beiden Protagonisten auf seine eigene Soundwelt zurückgreifen kann, ist er doch auch als Sound- und VST-Synthdesigner aktiv. Poppige Nummer, teils Choral oder mal leicht vokal angehaucht sowie typische EM-Nummern wechseln sich wohl platziert ab und hinterlassen auch nach wiederholten Male eine beschwingte Zufriedenheit, die wir in naher Zukunft auch gerne mal live konsumieren würden.

Stefan Erbe

https://www.youtube.com/channel/UCwxJm5t2KsXs0K-goLU428w

standart150Als wären die zwei vorherigen Alben von Stan Dart nur ein Aufwärmtraining vor der großen Show, denn mit dem neuen Doppelalbum "Seaside" hat der Künstler aus Österreich ein Meisterwerk kreiert. Zusammen mit dem Pianisten Mark Dorricott aus England ist Elektronische Musik von exzellenter Qualität entstanden! Eine Soundtrack-Atmosphäre zieht sich durch das gesamte Werk. Kein Wunder, dass eine Reminiszenz an die großartigen "Blade Runner"-Filme herauszuhören ist, wo schon die Frage dominierte: Haben Replikanten Gefühle?
Der erste Track "Waves" transportiert den Hörer mit einem vermeintlich ruhigen, ominösen Sound an einen fernen Strand in einem Paralleluniversum. Wellenreitend entwickelt sich der Song und klingt atemberaubend - was für ein genialer Auftakt! Die folgenden Tracks sind sehr abwechslungsreich. Stan Dart hat ein sicheres Gespür für chillige Midtempobeats, kombiniert mit den jazzigen Pianoklängen Mark Dorricotts. In "Stellar Nights" und "Time's Right" wird es allerdings wieder sehr gefühlvoll und sphärisch, wie ein Trip in eine sternenklare Nacht bis weit in die Stratosphäre. Grandios.
Auf CD 2 schwebt ein Hauch von Vangelis durch die 6 überwiegend langen Tracks. Der erste Titel "Replicant's Dream" zeigt das Thema dieser CD. Der dann folgende Electronic-Blues "Empty Rooms" klingt wie völlig aus der Zeit gefallen - megastark! Und wer glaubt, dass den Künstlern allmählich die Puste ausgeht, wird sich wundern. So anmutig und edel wie in "Memories of Tomorrow" habe ich Stan Dart noch nie gehört. Die Harmonie mit dem Pianisten ... zum Niederknien. Doch es geht weiter mit dem geschmeidigen "Distant Life", dem dramatischen "Thannhauser Gate" bis zur verklärten Auflösung im letzten Track. Applaus für Stan Dart und Mark Dorricott - das ist ganz großes Ohrenkino.

http://www.stan-dart.com/


Will Lücken

catvaratempo

Bertrand Loreau hatte ich von seinen bisherigen Alben bereits als einen Elektronik-Musiker mit verschiedenen Facetten kennengelernt. Für "Catvaratempo" hat er sich mit Frédéric Gerchambeau einen Partner hinzu geholt, der mir bisher noch nicht bekannt war. Der Album-Titel gibt keine Hinweise darauf, in welche Richtung Bertrand seine Musik erweitern will, und auch die Tracks sind schlicht von eins bis vier durchnummeriert (allerdings auf Sanskrit).

Im Gegensatz zu anderen Kooperationen wollen die beiden Franzosen ihre beiden Stile gar nicht miteinander verschmelzen: Die melodisch-atmosphärischen Teile von Bertrand Loreau lassen sich klar heraushören, ebenso die Sequenzen und experimentellen Parts von Frédéric  Gerchambeau. Für mich ist dieses Album eine Art Dialog zweier ganz unterschiedlicher Stile, und so wie in einem Dialog mit Worten mal der eine und mal der andere mehr redet, so spielt sich auch hier mal einer der beiden in den Vordergrund.  Was jedoch nie passiert, ist dass der jeweils andere ins Abseits gedrängt wird. Phasenweise finden sich auch beide auf gleicher
Höhe zu einer Art Harmonie zusammen, bis sie wieder auseinander driften.

"Catvaratempo" ist für mich ein Experiment, was passiert, wenn man zwei Musiker mit gänzlich unterschiedlichen Stilen einfach machen lässt, und der Beweis, dass es nicht in einer Kakophonie enden muss. Es macht Spaß, diesem Dialog zu lauschen, und dabei zu überlegen, was die beiden Parts symbolisieren sollen. Meine Assoziation beim Hören war der ewige Konflikt von Natur und Technik, aber je nach eigener Lebens-Situation mag man zu einem anderen Ergebnis kommen. Einen "Selbstversuch" ist dieses Album aber auf jeden Fall wert!

http://www.sphericmusic-shop.de/

 Alfred Arnold

 

mb150Nicht nur die Fans des Schleidener Musikers erfreuen sich schon etliche Jahre über hochqualitative Datenträger und genießen im Besonderen immer wieder das besondere Soundlevel. Dass auch dies auf der aktuellsten Veröffentlichung nicht anders ist, scheint nicht nur selbstverständlich sondern  Mindestanforderung zu sein, auch wenn sich die Klangerzeugung dieses Mal ein wenig analoger zeigt. Auch die Trackauswahl im gespannten Spannungsbogen ist gelungen und bietet sogar noch mehr Abwechslung bzw. Kontrast im Vergleich zu den letzten Alben, denn der erneute kosmische Background bedient nahezu alle Scifi-Musik-Komponenten die die letzten 20-30 Jahre so her gegeben haben. Das alles verleiht "groundcontrol" eine sehr zugängliche, konsumfreudige Note und eigentlich bleibt nur zu hoffen, dass Scholl doch nochmal den Weg zu irdischen Klangerzeugungsgrundlagen finden werden kann, um nicht auf immer und ewig im endlosen All nach dem perfekten Sound suchen zu müssen.

www.mellowjet.de

 

Stefan Erbe

300x300Stefan Erbe mag es nicht, auf dem nächsten Album einfach den Stil des Vorgängers zu wiederholen, soviel ist bekannt. Dass er nach dem Ausflug ins All mit der "Genesys" wieder in irdische Gefilde zurückkehren würde, war also zu erwarten. Die radikale und direkte Weise, auf die er den nächsten Schritt geht, überrascht dann aber schon. Auf "Reflect" werden die Probleme thematisiert, mit denen sich die Menschheit im Hier und Jetzt beschäftigen muss: Kriege, die Schere, die zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht, und der allgegenwärtige Plastikmüll. Damit einhergehend wird der "Erbe-Sound" auch auf neue Weise interpretiert: er ist härter und direkter, der Botschaft angepasst.

Das soll jetzt aber nicht heißen, das "Reflect" ein Album mit negativer oder düsterer Grundstimmung wäre. Den Problemen setzt Stefan Erbe seine positive Sicht auf die Zukunft entgegen - Probleme können gelöst werden, und jeder einzelne kann etwas dazu beitragen, wenn er/sie nur will.

Ich habe bei Rezensionen früherer Erbe-Alben geschrieben, man könne die Musik auch einfach nur genießen, ohne sich über das dahinter stehende Konzept oder die Aussagen Gedanken zu machen.
Prinzipiell gilt das auch hier, aber es ist schwerer als je zuvor, sich der hinter den Tracks stehenden Botschaft zu entziehen. "Reflect" ist für mich das thematisch bisher ambitionierteste Erbe-Album, und es zeugt von Stefan Erbes Fähigkeiten, wie er auf "Reflect" die Botschaft mit seiner musikalischen Identität verschmolzen hat. Chapeau, sowohl für den Mut als auch die gelungene Überraschung!

https://www.erbemusic.com

Alfred Arnold

jeanmicheljarre equinoxeinfinityExakt 40 Jahre nach der Veröffentlichung des Originals erscheint am 16. November mit Equinoxe Infinity eines der wohl erwartetsten Nachfolgealben aus der Feder von Jean-Michel Jarre. Zum Vergleich habe ich mir natürlich das Original vorab angehört. Ja, es ist klangtechnisch schon einiges in die Jahre gekommen, hat aber immer noch sein eigenes Flair. Mit Oxygene 3 und den Electronica-Alben wurde man zuletzt nicht sonderlich verwöhnt, was Jarresquen Sound anging. Nun also neues von Equinoxe.

Auffällig ist zunächst, dass das aus 10 Stücken bestehende Album nicht auch Part 1 bis 10 beinhaltet. Jedes Stück hat einen eigenen Namen, allerdings mit Untertitel Movement 1 bis 10. Die erste dieser Bewegungen zitiert aus dem Original. Und auch in den weiteren Stücken findet sich die ein oder andere Referenz auf das Vorgängeralbum. Klanglich wirkt es aber dennoch sehr frisch und modern, ist allerdings auch einiges rhythmischer. Die Originalität erreicht es auch nicht wirklich, jedoch mochte ich das Album sehr gerne hören. Es ist recht abwechslungsreich und glücklicherweise nicht annähernd so kommerziell wie Jarres zuletzt erschienene Werke. Ein wenig ärgerlich ist jedoch die Albumlänge, die mit knapp 40 Minuten zwar dem alten Vinylmedium gerecht wird, heutzutage jedoch eher frech wirkt. Ja, es erscheint auch als anachronistische Platte. Für Sammler sicherlich interessant, aber hier hätte man gerne ebenfalls die moderne Länge auf CD packen können und ein Doppelalbum für Plattenliebhaber daraus machen können.

Nach dem doch eher x-ten Aufguss eines Best-ofs mit Planet Jarre ist Equinoxe Infinity ein willkommenes Album, das ich gerne meiner Sammlung an guter Jean-Michel Jarre Veröffentlichungen hinzufüge.

Bezug: Überall im Handel ab 16.11.
Website: https://jeanmicheljarre.com

Stefan Schulz

icingwolf sonicwaves 150Für einen Künstler ist das zweite Album meist das schwierigste.  War das erste Album noch der Überraschungs-Erfolg, sind beim zweiten die Erwartungen gesetzt und man wird daran gemessen. Bei
Monika Freerk, die unter dem Namen IcingWolf veröffentlicht, liegt die Sache ein wenig anders: Am Anfang stand der diesjährige Schallwelle-Preis als beste Newcomerin, und jetzt ist es das erste "richtige" (physische) Album, an das Erwartungen geknüpft werden.

Monika hat sich Zeit gelassen: ein halbes Jahr ist zwischen Preis und Veröffentlichung vergangen, und das war keine schlechte Entscheidung. "SonicWaves" ist ein reifes Album, sowohl was die Qualität der Produktion angeht, als auch die Zusammenstellung der Titel. Es zeigt, dass die eisige Wölfin bereit ist, sich weiter zu entwickeln: sind die ersten Tracks noch in ähnlichem Stil wie die auf den beiden nur online veröffentlichen Alben "Ad Somina" und "Vive Somnium", so lernt man zum Ende hin eine Monika kennen, die ihre Vorbilder ganz offensichtlich nicht nur bei TD, Jarre & Co. gefunden hat: es wird dramatisch, beinahe schon Filmmusik, und ein musikalisch hinterlegter Start ins All setzt den Schlusspunkt. Das ergibt einen schönen Spannungsbogen, und ist der Beleg, dass der diesjährige Newcomer-Preis zu Recht nach Göttingen gegangen ist.

https://icingwolf.bandcamp.com/album/sonicwaves

Alfred Arnold

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok