Rezensionen

Thomas Lemmer Ambient Nights Cover 150Der Osnabrücker Thomas Lemmer gehört(e) nicht nur in den letzten Monaten zu der Kategorie der fleißigen Musiker. Noch kurz vor Jahreswechsel lieferte er noch ein weiteres echtes Ambient-Album ab und beschließt das Jahr mit einem Kontrastpunkt zu den vorherigen Produktionen. Die 11 Stücke der ambienten Nacht sind allesamt mehr als nur reine Funktionsmusik und streben dabei dennoch nach einem virtuell schwebenden Konsumzustands, denn klassische Song- und Refrainmuster sind ebenso wenig zu finden, wie auch der sonst übliche Lemmer-Chillout-Style. Vielmehr umgibt sich der Tonträger mit einem endlosen Gebilde an tiefenwirksamer Entspannungs-Stase, die nur ganz selten von ein paar Vokalen oder leichten Klaviermustern durchbrochen wird. Wer bei geschlossenen Augen schnell mal auf sein eigenes Holodeck der simulierten Wald- und Wiesenwelten surfen möchte, wird schon nach ein paar Takten ungestört seine innere Mitte finden. Und beim großen Versandversender mit dem großen „Ahhh“, wird unter der hier rezensierten Musik sicher der Hinweis zu lesen sein „Kunden die Massageöl kauften, nach Entspannungsbädern suchten und Wochenenden in Spa´s buchten kauften auch…dieses Album“. Garantiert.

www.thomas-lemmer.com
www.sine-music.de

Stefan Erbe

natteAlter Schwede. Nein falsch! Alter Däne, dieses Jahr feiert Björn Jeppesen alias Nattefrost sein 25tes Musikjubiläum und erzeugt ganz stilgerecht mit seinem aktuellen Album, eine selbstjustizierende Verbeugung vor sich selbst. Auch wenn einige Tracks an die Düsseldorfer Robotergang erinnern, seine Musik ist schon lange keine Kopie der Rothemden vom Rhein mehr, sondern Jeppesens eigene historische Produktionstufe dänischem Elektropops. Gerade die melancholischen, teils auch mal unmelodischen Elemente verfeinern seine Kunst 80er und 90er Soundteilchen zu seinem eigenen Robotnikuniversum und ergänzen sich exzellent mit einem eher britischem Sound wie von Orbital oder FSOL. Leider sind es nur 7 Tracks die sein Album schmücken, die allerdings sind gelungen, kurzweilig und eine "bowtastischte" Ansammlung. 

www.nattefrost.dk

Stefan Erbe

SummerInBerlinNatürlich habe ich das neue 4fach Deluxe-Album in erster Linie wegen des „Live in Berlin“ gekauft. Schließlich war ich selber Zuschauer bei der Tournee 2019 in der Kölner Lanxess-Arena und allen Schiller-Skeptikern zum Trotz: Wer, wie ich Pink Floyd, Yes oder Depeche Mode live gesehen hat, guckt sich natürlich auch Schiller an.

Was mich allerdings wider Erwarten erstaunt, ist die Qualität der neuen Studio CD „Summer in Berlin“ und nur aus diesem Grund schreibe ich eine Rezension. Ich starte also mit dem obligatorischen Willkommensgruß der Akte X-Sprecherin „Scully“ und tauche nahtlos ein in den ersten Track des Albums mit dem Titel: „Der Klang der Stadt“. Ein faszinierendes Instrumentalstück, das mich sofort in seinen Bann zieht und nach einigen Minuten denke ich: hoffentlich geht das so geil weiter! Auf dem Cover nämlich ist keine Minutenanzeige der insgesamt 14 Tracks. Bei Minute 8 bekommt der kraftvolle Song eine atmosphärische Atempause und ich hoffe es ist nicht vorbei. Doch zum Glück geht's weiter: Der erste Titel des Albums entfaltet sich kontinuierlich und mutiert zu einem monster-rhythmischen Synthie-Hammertrack von über 20 Minuten Länge. Mastermind CvD knüpft an seine „Piano & Electronic-Tour“ vom letzten Jahr an, zeigt hier wieder seine federleicht-fantasievolle und zugleich fulminant-kraftvolle Interpretation zeitgemäßer elektronischer Musik. Dieser Sound wird auch im letzten Track mit über 16 Minuten Länge deutlich: „Dem Himmel so nah“ ist die Kollaboration mit Keyboarder Thomas Quäschning. Allein diese beiden Tracks heben den Wert des gesamten Albums! Allein diese zwei Tracks bestätigen Christopher von Deylen an die Spitze der Electronic-Keyboarder der Gegenwart. Was auf dem Album dazwischen an Songs präsentiert wird ist eigentlich sogar besser als Schillers letztes Album „Morgenstund“. Sämtliche Instrumentaltracks sind bemerkenswert ob ihrer prägnanten Melodien und innovativen Arrangements. Die Songs mit Gastsängern fallen dagegen fast gewöhnlich aus. Vielleicht sollte man noch den Titel mit Alphaville-Sänger Marian Gold erwähnen, er hat sicherlich Ohrwurmpotential, erinnert total an die 80er, was natürlich auch wiederum eine ambivalente Aussage hat: Das gesamte Werk ist eine Hommage an DIE inspirierende Stadt Deutschlands: Berlin.

Will Lücken

a11

Falls man der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Lockdowns einen positiven Aspekt abgewinnen möchte, dann ist es der mit der erzwungenen "Häuslichkeit" verbundene Produktivitäts-Schub bei einigen Musikern. René​ van der Wouden ist dafür ein gutes Beispiel: Ein gutes halbes Dutzend an Neuveröffentlichungen tragen einen 2020/21er-Datumsstempel.  Aus diesem Füllhorn sei hier einmal das Album "Astromen" herausgegriffen, mit dem René​ sich in die Weiten des Weltalls begibt. Egal wie weit er sich dabei von unseren irdischen Gefilden entfernt, so bleibt er doch auch hier seinem melodischen und von Sequenzen getragenen Stil treu - ich möchte so weit gehen zu sagen, dass René​ über die Jahre seine ganz eigene spezifische "Klangfarbe" entwickelt hat, die man aus jedem seiner Werke heraushören kann.

Wo Sequenzen sind, da ist auch das etwas abgenutzte Schlagwort "Berliner Schule" nicht weit. Das darf man gerne auch auf "Astromen" anwenden, und die Länge der fünf Tracks wird der damit meist verbundenen Erwartungshaltung auch gerecht, aber angesichts der  Bandbreite der darin ausgemalten Stimmungen greift das zu kurz.  Einem rhythmischen Einstieg mit dem Titel-Track folgen sphärische Klänge in "Geomagnetic Storms". Mellotron-Sounds, wie man sie von TD aus den 70ern kennt, finden im Gesamtwerk ebenso ihren Platz, wie melodisch-schwelgerische Passagen. "Astromen" ist eine bunte und abwechslungsreiche Reise in ferne Welten, bei der René​ sich und seinen EM-Wurzeln treu bleibt.

In diesem Jahr soll die Release-Rate neuer ReWo-Alben nicht ganz so hoch sein, und das wäre auch gar nicht schlecht. Denn so hat man die Chance, den musikalischen Lektionen in "Renés Berliner Schule" in diesem Jahr nachzuarbeiten. Und wer weiß, vielleicht bietet sich in diesem Jahr auch einmal wieder die Gelegenheit, dies nicht nur in Form des Fernunterrichts im Home-Office zu tun. Ich wäre bei so einer Live-Lehrstunde dabei...

https://rewo.bandcamp.com/

Alfred Arnold

 

a11

Für Dave Pearson, der als "Computerchemist" firmiert, ist "The Fort" eine Premiere, nämlich sein erster Film-Soundtrack.  Auf CD veröffentlicht, sind Film-Soundtracks ein bisweilen schwer zu handhabendes Material, weil sie passend für die Szenen eines Films komponiert werden. Allzu oft hat man es in der Vergangenheit erlebt, dass die Musik-Schnipsel so, wie sie sind, auf eine CD gepresst werden und ohne die begleitenden Bilder Funktion und Sinn verlieren. In diese Falle ist man bei "The Fort" erfreulicherweise schon einmal nicht gelaufen: Gerade einmal sechs Tracks füllen die Spieldauer einer CD nahezu komplett aus, und können auch ohne begleitendes Bilder bestehen.

In "The Fort" muss sich eine versprengte Gruppe von Soldaten in einer alten Festung verschanzen und einrichten. Aber auch in dieser Refugium lässt sich die Realität eines Krieges nicht verdrängen. Eröffnet wird "The Fort" von einem melodisch-rhythmischen Track, der mit seinen Gitarren-Parts den rockigen Touch mitbringt, den man schon von einigen Studioalben von Dave kennt. Danach wird es aber extrem atmosphärisch: Über weite Strecken hört man nur noch den Wind, der um das Fort weht, nur kurz unterbrochen von Passagen, die etwas mehr 'Action' andeuten. Das lässt viel Raum für eigene Vorstellungen, was in diesem Teil des Films in und in dem Fort vor sich geht.

"The Fort" sollte eigentlich im Mai 2020 Kino-Premiere haben, diese ist aber wie bei vielen andere Filmen Opfer der Corona-Pandemie geworden. Einstweilen muss das eigene "Kopfkino" als Bühne für diesen Soundtrack herhalten. Und was das gute dabei ist: auf dieser Bühne muss nicht unbedingt ein Kriegsszenario der Hintergrund sein. Situationen, in denen Stille und Abgeschiedenheit Raum zur Selbstreflexion geben, gibt es überall, und der Soundtrack zu "The Fort" funktioniert auch, wenn man sich den Wind in den eigenen vier Wänden um den Kopf pfeifen lässt.

https://computerchemist.bandcamp.com/

Alfred Arnold

 

a11

Wann ist zu einem Thema alles gesagt? Bei Bernd-Michael Lands vierbändigem Werk "Das Lächeln der Bäume" war das offensichtlich noch nicht der Fall, denn nun erst hat er beschlossen, mit 'Definitivum' den Schlusspunkt zu setzen.

Wer die Musik des Rodgauer Elektronik-Musikers kennt, der weiß, dass keine einfache Kost zum "nebenher konsumieren" zu erwarten ist. Aber die Arbeit, die man beim Hören zu leisten hat, lohnt sich: Hinter den Klängen verstecken sich jede Menge reizvoller Assoziationen, auch wenn ein Fremdwort im Titel erst einmal mit dem Griff zum Fremdwörterbuch entschlüsselt werden muss. Dann mag man nachfühlen, dass die Sequenzen in 'Hydrophil' eine Metapher für fließendes Wasser sind oder der Pulsschlag in 'Nexus' ausgeht. So tief müssen die Gedanken aber auch nicht gehen, man darf sich auch gerne einfach nur der Vielfalt der Klänge erfreuen, die in den elf Tracks ausgebreitet werden.

'Definitivum' ist eine Ergänzung zu den ersten vier Kapiteln, die nicht angestückelt wirkt, viel mehr wie das bisher fehlende Resümee. Man sollte ja vorsichtig damit sein, in Musik irgendwelche Botschaften hinein interpretieren zu wollen. Wenn ich mich in dieser Hinsicht "aus dem Fenster lehnen" sollte, dann ist es die Liebe zur Natur, und die daraus resultierende Aufgabe, sie zu schützen, die als Botschaft hinter diesem Album steht. Oder vielleicht auch einfach nur die Liebe zur elektronischen Musik und ihren vielen Spielarten? Das muss jede(r) nach Erwerb der Musik selber entscheiden. Wie bei Bernd-Michael Land üblich, ist selbige nur als physisches Album erhältlich, inklusive Schmuckschuber und liebevoll gestaltetem Booklet.

https://bernd-michael-land.com/

Alfred Arnold

 

a11

Drei Erbe-Alben in einem Jahr - das hatten wir wohl noch nie? Aber wir leben eben in ungewöhnlichen Zeiten. Jegliche Live-Aktivitäten sind fürs erste tabu, die Kreativität sucht sich ihr  Ventil' dann anderweitig. Erfahrungen, die zu musikalischer Inspiration führen, sind zuhauf vorhanden. Der auf dem Cover abgebildete Ort könnte ein aufgegebener Konzertsaal und eine Anspielung auf die aktuelle Situation sein - muss es aber auch nicht.

Andererseits suchen manche die Stille solcher 'Lost Places' auch auf, um mit sich selber wieder ins Reine zu kommen. Wir wissen nicht, ob das nötig war, aber ohne Zweifel ist 'Serbenity' ein Album, das in jedem Moment die Zufriedenheit mit dem eigenen Werk ausstrahlt - der Titel spielt ja bereits auf das englische Wort für Gelassenheit an. Andererseits ist 'gelassen' auch genau der Stil, den Stefan Erbe auf seinem neuesten Werk zelebriert: Die Reise Richtung ambienter/atmosphärischer Klänge, die sich schon auf der 'Breathe' andeutete, wurde konsequent fortgesetzt. Tanzbares wird man vergeblich suchen, und auch andere bekannte Erbe-Sounds werden so sparsam eingesetzt, dass sie eher wie eine Signatur wirken, die ein Maler in die Ecke seines Kunstwerks setzt.

'Serbenity' ist ein Album, das mir als Gesamtwerk in Erinnerung bleiben wird, weniger wegen einzelner Tracks. Es wirkt so, als wäre es im Flow einer einzigen Session entstanden. Aber jede Session hat ihr Ende, und sei die nur durch die Spieldauer des Mediums gegeben. Der letzte Track 'Final Arena' wirkt auf mich nicht wie ein Schlußpunkt, eher wie ein Ausblick auf das, was da noch kommen wird. Wären Stefan Erbes Alben eine Fortsetzungs-Serie, würde ich sagen, er hat hier einen kleinen 'Cliffhanger' eingebaut. Nehmen wir das positiv als das Versprechen, dass die Geschichte weitergeht, und wir sie mit verfolgen dürfen. Ich bin jedenfalls gespannt auf das nächste Kapitel...

https://erbemusic.com/

Alfred Arnold

 

Ron Boots Synth.nl BorkHavnVor acht Jahren saßen Ron und Michel am Strand in Dänemark und genossen ihren Urlaub gemeinsam mit der Familie. Abends setzten sie sich dann in eine Kammer im Ferienhaus und verarbeiteten ihren Tag mit musikalischer Improvisation. Natürlich hatten sie dafür einige Instrumente von daheim mitgebracht. Und das Ergebnis dieses Urlaubs kann sich definitiv hören lassen. Überarbeitet und aufpoliert in ihren Heimstudios kommt es nach langer Zeit endlich zur Veröffentlichung.

Wer dieses Album hört reibt sich sicherlich mehrfach die Ohren, denn es ist definitiv nicht der typische Ron Boots oder Synth.nl Sound auf dieser Scheibe. In Teilen sehr opulent, oftmals cinematisch kommen die Stücke daher und könnten sicherlich auch eine Dokumentation über die Küste Dänemarks und ihre verschiedenen Seiten schmücken. Die Musik erfasst gleichermaßen die Schönheit des Ortes als auch die feine Rauheit typischer Küstenregionen nahe der Nordsee. Diese münden in träumerischen Melodien im Piano-Kleid und auf der anderen Seite in gewaltigen, synthetischen Klanggebilden mit ansprechenden Rhythmusgemälden.

Anspieltipps: BorkHavn, Nordsøen, Stjernekiggeri

Details: Synth.nl Website
Quelle: Groove Unlimited

Stefan Schulz

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