Rezensionen

a11

Bei Vulkanologen ist ein "pyroklastischer Strom" ein Strom aus heisser Luft und Asche, der einen Hang herunter rollt und alles auf seinem Weg zerstört. Ähnliche Risiken muß man nicht befürchten, schiebt man das neueste Werk des Aacheners Robert Schroeder in den heimischen Player. Zum einen können nur Klänge statt Lava und Asche aus den heimischen Boxen fließen, zum anderen geht Robert das Thema "Vulkanausbruch" in eher gemäßigtem Tempo an.

Das ergibt auch Sinn, denn für einen Ausbruch muß erst einmal Druck aufgebaut werden. So erleben wir im Einsteiger "Pressure" klassische EM-Sounds und -Sequenzen, die an Schulze-Alben vergangener Jahrzehnte erinnern. In den folgenden Tracks zeigt Robert Schroeder seine kompositorischen Fähigkeiten und seinen Perfektionismus, wenn er den Hörer kontinuierlich und ohne harte Brüche bis zum Höhepunkt in den letzten beiden Tracks führt.

"Pyroclast" bietet, wie von Schroeder-Alben bekannt, eine Reise quer durch die Tempi klassischer elektronischer Musik, von Ambient bis Beat-lastig, und das in einem durchgängigen Rahmen eingepasst. Wer spontane und unerwartete musikalische "Ausbrüche" erwartet, könnte von diesem Album ein wenig enttäuscht sein. Aber auch Vulkanausbrüche gibt es in der Natur in der mehr oder weniger explosiven Sorte - der auf "Pyroclast" ausgemalte ist einer der kontrollierten Art. Ob man sich von diesem "pyroklanglichen" Strom einhüllen läßt, oder ihn von der Warte des Beobachters aus bewusst beobachtet, das bleibt dem Hörer überlassen. Ein Hörvergnügen ist "Pyroclast" auf jeden Fall.

https://www.news-music.de/

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Alfred Arnold

 

Signals

Als die Chillout-Ära vor ca. 20 Jahren zunächst die mediterranen Beach-Bars und später die heimischen CD-Player eroberte, hatte das norddeutsche Electronic-Duo „Max Melvin“ seine „Peak of Time“ Die zwei Alben aus 2002 und 2003 („Seaside“ und „Satellite“) sind Meilensteine der Chilloutmusic. Heute nach fast 18 Jahren veröffentlichen die Sounddesigner Stefan Rekittke und Andreas Bruhn endlich einen Nachfolger, der nahtlos an die Qualität der ersten CDs anknüpft, ach sogar noch besser klingt. Die 14 Tracks auf „Signals“ sind recht unterschiedlich und das wiederum könnte ein Problem sein. Es kollidieren tanzbare gute-Laune-Nummern mit anspruchsvollen Genießer-Tracks. Wenn man jedoch aufgeschlossen einer so facettenreichen, zeitgemäßen Klanglandschaft gegenüber steht, dürfte es keine Bedenken geben. Letzten Endes wird der geneigte Hörer mit edlen Chilloutklängen belohnt, die besonders in Tracks wie „Through my Eyes“, „Horizon“ oder „Halo“ zum leuchten kommen. Einige Songs überraschen mit dezentem weiblichen Gesang, der atmosphärisch hervorragend in die prächtige, moderne Klangwelt passt. Unter all den diversen Künstlern für Chilloutmusic haben sich „Max Melvin“ mal wieder deutlich hervorgehoben und sich selbst übertroffen. In der gegenwärtigen Corona-Zeit könnte diese Musik zudem einen Flashback in alte Zeiten erzeugen, wo Menschen noch uneingeschränkt chillen und tanzen konnten am Strand von St. Peter Ording oder anderswo.

https://maxmelvin.bandcamp.com/album/signals

Will Lücken

maxEs gibt (ganz) sicher nur eine Handvoll seitenziehender Elektromusiker wie Max „Maxxess“ Schiefele, die sowohl die Kunst des kreischenden Gitarrenschleuderns, als auch als exzellenter Tastenvirtuose ihr Handwerk beherrschen. Der vielgefragte Bayer kann einfach beides und schafft sich schon seit Jahren damit (s)ein Imperium aus beiden Welten. Auch das neu entstandene Album strotzt wieder von beeindruckender Dynamik dieser Symbiose und beliefert uns SAGAreske Geschichten, heroische Metaleinflüsse und klug konzipierte EM-meets-Melodic-Guitar-Epen. Selbst Schremmel-Musik-Ablehner wie den Rezensenten schmeckt die Zusammenstellung so gut, dass er in diesem Fall den Superstar-Buzzer drückt, um das Album ins noch junge Finale der Besten Produktionen des Jahres 2021 zu schicken. Gut gerockt Max, Du hast es einfach immer noch drauf!

www.maxxess.de

Stefan Erbe

vielaTorben Webers Strategie, spannungserzeugende Tracks ohne Hookline und Melodien zu erzeugen funktioniert erstaunlich gut, denn der hessische Klangkünstler wechselt geschickt zwischen diversen Electronic-Genres und beliefert uns damit eine universaltaugliche Beschallungsgrundlage, die sowohl als begleitendes Hörelement als auch Stimmungsgeber für bewegende Momente herhalten kann. Der Viela-Sound ist klug konstruiert und Klangstein schickt damit eher die Elemente der Gesamtstimmung in den Vordergrund. Ein Konzept, dass bei nahezu allen Stücken aufgegangen ist. Die Vocal-Nummer „Ganz Leise“ kannten wir zwar schon, ist aber in der Viela-Version erneut ein Ausnahmeposten, von denen es gerne in Zukunft ruhig ein paar mehr geben dürfte. Stimmungsvoller Begleitsoundtrack für den Tag zwischen Arbeit und Abhängen.

www.schalldeluxe.de

Stefan Erbe

Thomas Lemmer Ambient Nights Cover 150Der Osnabrücker Thomas Lemmer gehört(e) nicht nur in den letzten Monaten zu der Kategorie der fleißigen Musiker. Noch kurz vor Jahreswechsel lieferte er noch ein weiteres echtes Ambient-Album ab und beschließt das Jahr mit einem Kontrastpunkt zu den vorherigen Produktionen. Die 11 Stücke der ambienten Nacht sind allesamt mehr als nur reine Funktionsmusik und streben dabei dennoch nach einem virtuell schwebenden Konsumzustands, denn klassische Song- und Refrainmuster sind ebenso wenig zu finden, wie auch der sonst übliche Lemmer-Chillout-Style. Vielmehr umgibt sich der Tonträger mit einem endlosen Gebilde an tiefenwirksamer Entspannungs-Stase, die nur ganz selten von ein paar Vokalen oder leichten Klaviermustern durchbrochen wird. Wer bei geschlossenen Augen schnell mal auf sein eigenes Holodeck der simulierten Wald- und Wiesenwelten surfen möchte, wird schon nach ein paar Takten ungestört seine innere Mitte finden. Und beim großen Versandversender mit dem großen „Ahhh“, wird unter der hier rezensierten Musik sicher der Hinweis zu lesen sein „Kunden die Massageöl kauften, nach Entspannungsbädern suchten und Wochenenden in Spa´s buchten kauften auch…dieses Album“. Garantiert.

www.thomas-lemmer.com
www.sine-music.de

Stefan Erbe

natteAlter Schwede. Nein falsch! Alter Däne, dieses Jahr feiert Björn Jeppesen alias Nattefrost sein 25tes Musikjubiläum und erzeugt ganz stilgerecht mit seinem aktuellen Album, eine selbstjustizierende Verbeugung vor sich selbst. Auch wenn einige Tracks an die Düsseldorfer Robotergang erinnern, seine Musik ist schon lange keine Kopie der Rothemden vom Rhein mehr, sondern Jeppesens eigene historische Produktionstufe dänischem Elektropops. Gerade die melancholischen, teils auch mal unmelodischen Elemente verfeinern seine Kunst 80er und 90er Soundteilchen zu seinem eigenen Robotnikuniversum und ergänzen sich exzellent mit einem eher britischem Sound wie von Orbital oder FSOL. Leider sind es nur 7 Tracks die sein Album schmücken, die allerdings sind gelungen, kurzweilig und eine "bowtastischte" Ansammlung. 

www.nattefrost.dk

Stefan Erbe

SummerInBerlinNatürlich habe ich das neue 4fach Deluxe-Album in erster Linie wegen des „Live in Berlin“ gekauft. Schließlich war ich selber Zuschauer bei der Tournee 2019 in der Kölner Lanxess-Arena und allen Schiller-Skeptikern zum Trotz: Wer, wie ich Pink Floyd, Yes oder Depeche Mode live gesehen hat, guckt sich natürlich auch Schiller an.

Was mich allerdings wider Erwarten erstaunt, ist die Qualität der neuen Studio CD „Summer in Berlin“ und nur aus diesem Grund schreibe ich eine Rezension. Ich starte also mit dem obligatorischen Willkommensgruß der Akte X-Sprecherin „Scully“ und tauche nahtlos ein in den ersten Track des Albums mit dem Titel: „Der Klang der Stadt“. Ein faszinierendes Instrumentalstück, das mich sofort in seinen Bann zieht und nach einigen Minuten denke ich: hoffentlich geht das so geil weiter! Auf dem Cover nämlich ist keine Minutenanzeige der insgesamt 14 Tracks. Bei Minute 8 bekommt der kraftvolle Song eine atmosphärische Atempause und ich hoffe es ist nicht vorbei. Doch zum Glück geht's weiter: Der erste Titel des Albums entfaltet sich kontinuierlich und mutiert zu einem monster-rhythmischen Synthie-Hammertrack von über 20 Minuten Länge. Mastermind CvD knüpft an seine „Piano & Electronic-Tour“ vom letzten Jahr an, zeigt hier wieder seine federleicht-fantasievolle und zugleich fulminant-kraftvolle Interpretation zeitgemäßer elektronischer Musik. Dieser Sound wird auch im letzten Track mit über 16 Minuten Länge deutlich: „Dem Himmel so nah“ ist die Kollaboration mit Keyboarder Thomas Quäschning. Allein diese beiden Tracks heben den Wert des gesamten Albums! Allein diese zwei Tracks bestätigen Christopher von Deylen an die Spitze der Electronic-Keyboarder der Gegenwart. Was auf dem Album dazwischen an Songs präsentiert wird ist eigentlich sogar besser als Schillers letztes Album „Morgenstund“. Sämtliche Instrumentaltracks sind bemerkenswert ob ihrer prägnanten Melodien und innovativen Arrangements. Die Songs mit Gastsängern fallen dagegen fast gewöhnlich aus. Vielleicht sollte man noch den Titel mit Alphaville-Sänger Marian Gold erwähnen, er hat sicherlich Ohrwurmpotential, erinnert total an die 80er, was natürlich auch wiederum eine ambivalente Aussage hat: Das gesamte Werk ist eine Hommage an DIE inspirierende Stadt Deutschlands: Berlin.

Will Lücken

a11

Falls man der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Lockdowns einen positiven Aspekt abgewinnen möchte, dann ist es der mit der erzwungenen "Häuslichkeit" verbundene Produktivitäts-Schub bei einigen Musikern. René​ van der Wouden ist dafür ein gutes Beispiel: Ein gutes halbes Dutzend an Neuveröffentlichungen tragen einen 2020/21er-Datumsstempel.  Aus diesem Füllhorn sei hier einmal das Album "Astromen" herausgegriffen, mit dem René​ sich in die Weiten des Weltalls begibt. Egal wie weit er sich dabei von unseren irdischen Gefilden entfernt, so bleibt er doch auch hier seinem melodischen und von Sequenzen getragenen Stil treu - ich möchte so weit gehen zu sagen, dass René​ über die Jahre seine ganz eigene spezifische "Klangfarbe" entwickelt hat, die man aus jedem seiner Werke heraushören kann.

Wo Sequenzen sind, da ist auch das etwas abgenutzte Schlagwort "Berliner Schule" nicht weit. Das darf man gerne auch auf "Astromen" anwenden, und die Länge der fünf Tracks wird der damit meist verbundenen Erwartungshaltung auch gerecht, aber angesichts der  Bandbreite der darin ausgemalten Stimmungen greift das zu kurz.  Einem rhythmischen Einstieg mit dem Titel-Track folgen sphärische Klänge in "Geomagnetic Storms". Mellotron-Sounds, wie man sie von TD aus den 70ern kennt, finden im Gesamtwerk ebenso ihren Platz, wie melodisch-schwelgerische Passagen. "Astromen" ist eine bunte und abwechslungsreiche Reise in ferne Welten, bei der René​ sich und seinen EM-Wurzeln treu bleibt.

In diesem Jahr soll die Release-Rate neuer ReWo-Alben nicht ganz so hoch sein, und das wäre auch gar nicht schlecht. Denn so hat man die Chance, den musikalischen Lektionen in "Renés Berliner Schule" in diesem Jahr nachzuarbeiten. Und wer weiß, vielleicht bietet sich in diesem Jahr auch einmal wieder die Gelegenheit, dies nicht nur in Form des Fernunterrichts im Home-Office zu tun. Ich wäre bei so einer Live-Lehrstunde dabei...

https://rewo.bandcamp.com/

Alfred Arnold

 

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